Album: Yves Theiler Trio

yt_cd_coverVor vier Jahren erschien das Debut-Album des Yves Theiler Trio und wurde von der SRF2-Kulturredaktion gleich zum Trio-Album des Jahres gekürt. Eigentlich hätte er schon früher nachdoppeln wollen, sagt der 28jährige Pianist aus Zürich, aber ein Personal-, beziehungsweise Instrumentenwechsel hatte eine Verzögerung zur Folge. Statt dem Fretless-Ebass von Valentin Dietrich ist nun der Kontrabass von Luca Sisera zu hören, mit dem Theiler auch in der Band Roofer zusammenspielt. Der Klang des Instrumentes zusammen mit Siseras fluid-melodischem Stil verleihen dem rhythmisch explosiven und doch kristallklar präzisen Sound des Trios eine geradezu sonnige, neue Wärme.

Yves Theiler TrioSo viel wird bereits im ersten Stück des von Radio SRF2 ko-produzierten Zweitlings “Dance in a Triangle” klar. Es heisst “For Bass” und beginnt mit einer fast zweiminütigen Einführung, wo eine fein gesponnene Bassmelodie von einer insistenten, einzelnen Pianonote und Perkussion vorwärtsgetrieben werden, ehe Theiler einen druckvollen Groove und eine labyrinthartige Melodie ins Geschehen einführt, die irgendwo zwischen Afrika und Erik Satie angesiedelt ist.

Yves Theiler_live_1Mit dem Perkussionisten Lukas Mantel arbeitet der Pianist seit zehn Jahren zusammen. Das daraus resultierende telepathische Verständnis erlaubt es dem Trio, die überaus subtile Komplexität von Theilers Kompositionen – sie beginnen zumeist mit einer Improvisation allein am Klavier – mit einer rhythmischen Dynamik auszuleuchten, welche der atemberaubenden Virtuosität des Gebotenen einen starken, emotionellen Rückhalt gibt. Mit jugendlicher Verspieltheit jongliert Theiler mit Techniken und Stilen aus der ganzen Welt zwischen Eritrea, Ahmad Jamal und Post-Rock. Dennoch tritt nie das Gefühl auf, man habe es mit einer Elster zu tun, denn jeder Musiker hat seine eigene Stimme und schreckt nicht dafür zurück, sie laut und deutlich einzusetzen. Ein Album voller Witz, Energie und kühnen Kurven.

Yves Theiler Trio, “Dance in a Triangle” (MGB Jazz 18)  
Link für Yves Theiler Konzerte

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Record of the Month (April): Nadja Zela «Immaterial World»

 

zela_2016_4a_rgb©niklaus_spoerriEin Banjo zupft ein repetitives Muster, die Band setzt mit einem bestimmten, akzentuierten Spiel ein, während die Protagonistin durch den mit blauem Industrielicht ausgeleuchteten Gang schreitet – und näher kommt. Sie hat eine elektrische Gitarre, Marke Gretsch, umgehängt und als sie ankommt am Ende des langen Korridors, singt sie nur die Worte: «I’m still alive.»

 

Eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft

Die «Überlebende», die diese Zeile nicht ohne Trotz intoniert, ist Nadja Zela, die glücklicherweise immer noch da ist und seit über zwei Jahrzehnten eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft ist. Erst waren da Bands wie The Whooshings oder Rosebud, später dann Fifty Foot Mama. Ab 2009 veröffentlicht Zela nur noch unter eigenem Namen. Immer war die 44-jährige Zürcherin da, doch nie mittendrin. Denn dazu sind ihre Musik und ihre Stimme zu eigensinnig und unverkennbar. Und vor allem: Zela lässt sich nicht vereinnahmen. Wenn es zu bequem wird, dann bricht sie auf – und geht weiter.

“Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk!”

«Immaterial World» ist ihr viertes Album. Sie hat es mit einer neuen, rockigeren Band eingespielt – mit Martin Fischer am Schlagzeug, Michel Lehner am Bass, Nico Feer an Gitarre und Bruder Rico Zela an Orgel und Oboe. Mitproduziert wurde es von Mama-Rosin-Mitglied Robin Girod. «Ich hatte einfach plötzlich wieder dieses Lechzen nach einer Rockband», schreibt sie. Denn ihr wurde es «zu Comfort-Zone-mässig» mit der vorherigen jazzigen Formation. «Ich mag es einfach nicht, wenn eine Szene mich für sich beansprucht. Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk! Ich will Zela sein, irgendwas zwischen Bowie, Sister Rosetta Tharpe und Cheyenne aus ‘Spiel mir das Lied vom Tod’», so Zela.

Eine Art kollektive Ahnung

Das Album beginnt mit einem stillen «Prelude». «We are the children of the old world», singt Zela, nur begleitet von ihrem Gitarrenspiel. Sie meint mit dieser Zeile vor allem ihre Generation der «Golden Age Kids in Europa» – «die aufgeklärte, prosperierende, kolonialisierende, missionierende alte Welt.» Eine Welt, die wie der Kapitalismus ihrer Meinung nach ausgedient habe. Die «Immaterial World», die Zela in zwölf Songs besingt, empfindet sie «als eine Art kollektive Ahnung von einer seelischen Verbundenheit der Menschen in ihrem Bestreben nach Liebe, Zusammenhalt und Frieden.» Dies sei nicht religiös oder esoterisch motiviert, sondern rein emotional zu verstehen.

Die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden

Und so klingt denn auch «Immaterial World», das versucht, aufzubrechen in diese neue, bessere Welt – und es aber nicht immer schafft, die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden. Weil: Die Verletzungen, das Elend und Ungerechtigkeiten der momentanen Gesellschaft, sie geben den Ton mit an, beispielsweise im schroffen «I’m Still Alive» – einem der Schlüsselsongs der Platte – oder gleich darauf in «Break Every Bone». Und selbst wenn die Band ausgelassen aufspielt wie in «Sunday Morning» fühlt sich die Sängerin allein. Aber: «I try to carry on», weil es muss weitergehen, irgendwie.

Es gibt aber auch Hoffnung, und Aufrufe zu mehr Solidarität wie im grossartigen «Mercy on the Weak», in dem Zela und ihre Band eine entspannte und doch dringliche Gospelspielart entwerfen. Überhaupt: Diese Band folgt Zela und ihrer Stimme überallhin – sei es im Reggae «Level Off Level Out» oder im abschliessenden und tröstenden «Homeless Son» – und es ist zu hören, dass hier etwas gemeinsames entstanden ist, das mehr ist als nur eine weitere beeindruckende Soloplatte. Denn es ist so (und da darf man schon mal pathetisch werden, etwas, das dieses Album zu keiner Zeit ist): Nur gemeinsam ist sie zu erreichen, diese «Immaterial World».

Nadja Zela: «Immaterial World» (Patient Records/Irascible)

Konzerte:
16.04., Bundeshaus zu Wiedikon, Zürich
27.04., Kraftfeld, Winterthur
29.04., Le Singe, Biel
30.04., Kammgarn, Schaffhausen
06.05., Palace, St. Gallen
16.07., Café Kairo, Bern
02.09., Neubad, Luzern
03.09., El Lokal, Zürich:
17.09., Kiosk Tabak, Zürich
29.10., Bibliothek, Dottikon

Record of the month: “Spring Rain” by Samuel Blaser

Samuel Blaser's Spring RainBlaser trills and sways with a wonderful, inebriated tone
Samuel’s opening notes of ‘Jesus Maria’ emit a tone of skewed warmth, imperfect but aglow. What follows is an almost heartbreaking conversation between Blaser, Russ Lossing whose piano notes fall as clear spring raindrops, and the ghostly double bass of Drew Gress. Gerald Cleaver locks into this sensitivity brushing drums or rustling cymbals and I drifted into a meditation that I didn’t want to leave. It’s a gorgeous piece written by Carla Bley and was featured on the Jimmy Giuffre 3‘s album Fusion, 1961. Spring Rain is a tribute to Giuffre, specifically his now-revered, explorative work with Paul Bley and Steve Swallow and combines covers with original compositions in a conducive listen.

Lossing makes the difference in ‘Missing Mark Suetterlyn’: as Blaser trills and sways with a wonderful, inebriated tone, Russ brings the double joy of piano and keyboards (he plays Minimoog, Fender Rhodes and Wurlitzer on this album). His electronic runs and chord stabs funk it up, space it out and take us into a thrilling, lawless landscape. All the time Cleaver is finding off-beats with laudable subtlety; he’s finely integrated but always notable.

A warm ’60s jazz homecoming
This track leads straight into the lucid melody of ‘Temporarily’ (another Carla Bley composition). There’s a sense of the recognisable here, like a warm ’60s jazz homecoming. Blaser hits the spot in the way a trumpet can – with soulful, cool sensibilities. Spring Rain has been directed by Robert Sadin, a classical conductor (a vital point as there are flavours of classical expressionism in Blaser’s playing) who also arranged and produced output such as Gershwin’s World by Herbie Hancock. From the musical themes to the sequencing, this feels a quality production.

I adored Blaser’s short solo ‘Homage’, its romantic grief like a modernist ‘Last Post’. If it was played with Blaser’s late manager, Izumi Uchida in mind, I can’t think of a more touching goodbye. ‘The First Snow’ is a free-for-all improv that again shows how this quartet is greater than the sum of its parts. They entangle themselves yet create space for ideas to breathe a fresh air.

Blaser: “Beautiful melodies and no boundaries”
If I’m honest I don’t find the trombone an easy listen, but the combination, especially with Lossing’s exquisite electronic touches, creates both an engaging tension and harmony. Blaser says, “I want people to know that there is jazz, blues, classical music, beautiful melodies and no boundaries,” and maybe that’s why I like this album. However I also think taking Guiffre as inspiration has given Blaser permission to incorporate five interpretative covers as well as provide a fertile direction for composing.

The Giuffre 3 are now recognised for their crucial contribution to free jazz, but disbanded in 1962 after the avant-garde album Free Fall and a gig where they earned 35 cents each. I’m certain there are quite a few musicians out there now who can relate to that.

Spring Rain will tour in November and December 2015.
Whirlwind Recordings

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