Record of the Month (April): Nadja Zela «Immaterial World»

 

zela_2016_4a_rgb©niklaus_spoerriEin Banjo zupft ein repetitives Muster, die Band setzt mit einem bestimmten, akzentuierten Spiel ein, während die Protagonistin durch den mit blauem Industrielicht ausgeleuchteten Gang schreitet – und näher kommt. Sie hat eine elektrische Gitarre, Marke Gretsch, umgehängt und als sie ankommt am Ende des langen Korridors, singt sie nur die Worte: «I’m still alive.»

 

Eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft

Die «Überlebende», die diese Zeile nicht ohne Trotz intoniert, ist Nadja Zela, die glücklicherweise immer noch da ist und seit über zwei Jahrzehnten eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft ist. Erst waren da Bands wie The Whooshings oder Rosebud, später dann Fifty Foot Mama. Ab 2009 veröffentlicht Zela nur noch unter eigenem Namen. Immer war die 44-jährige Zürcherin da, doch nie mittendrin. Denn dazu sind ihre Musik und ihre Stimme zu eigensinnig und unverkennbar. Und vor allem: Zela lässt sich nicht vereinnahmen. Wenn es zu bequem wird, dann bricht sie auf – und geht weiter.

“Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk!”

«Immaterial World» ist ihr viertes Album. Sie hat es mit einer neuen, rockigeren Band eingespielt – mit Martin Fischer am Schlagzeug, Michel Lehner am Bass, Nico Feer an Gitarre und Bruder Rico Zela an Orgel und Oboe. Mitproduziert wurde es von Mama-Rosin-Mitglied Robin Girod. «Ich hatte einfach plötzlich wieder dieses Lechzen nach einer Rockband», schreibt sie. Denn ihr wurde es «zu Comfort-Zone-mässig» mit der vorherigen jazzigen Formation. «Ich mag es einfach nicht, wenn eine Szene mich für sich beansprucht. Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk! Ich will Zela sein, irgendwas zwischen Bowie, Sister Rosetta Tharpe und Cheyenne aus ‘Spiel mir das Lied vom Tod’», so Zela.

Eine Art kollektive Ahnung

Das Album beginnt mit einem stillen «Prelude». «We are the children of the old world», singt Zela, nur begleitet von ihrem Gitarrenspiel. Sie meint mit dieser Zeile vor allem ihre Generation der «Golden Age Kids in Europa» – «die aufgeklärte, prosperierende, kolonialisierende, missionierende alte Welt.» Eine Welt, die wie der Kapitalismus ihrer Meinung nach ausgedient habe. Die «Immaterial World», die Zela in zwölf Songs besingt, empfindet sie «als eine Art kollektive Ahnung von einer seelischen Verbundenheit der Menschen in ihrem Bestreben nach Liebe, Zusammenhalt und Frieden.» Dies sei nicht religiös oder esoterisch motiviert, sondern rein emotional zu verstehen.

Die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden

Und so klingt denn auch «Immaterial World», das versucht, aufzubrechen in diese neue, bessere Welt – und es aber nicht immer schafft, die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden. Weil: Die Verletzungen, das Elend und Ungerechtigkeiten der momentanen Gesellschaft, sie geben den Ton mit an, beispielsweise im schroffen «I’m Still Alive» – einem der Schlüsselsongs der Platte – oder gleich darauf in «Break Every Bone». Und selbst wenn die Band ausgelassen aufspielt wie in «Sunday Morning» fühlt sich die Sängerin allein. Aber: «I try to carry on», weil es muss weitergehen, irgendwie.

Es gibt aber auch Hoffnung, und Aufrufe zu mehr Solidarität wie im grossartigen «Mercy on the Weak», in dem Zela und ihre Band eine entspannte und doch dringliche Gospelspielart entwerfen. Überhaupt: Diese Band folgt Zela und ihrer Stimme überallhin – sei es im Reggae «Level Off Level Out» oder im abschliessenden und tröstenden «Homeless Son» – und es ist zu hören, dass hier etwas gemeinsames entstanden ist, das mehr ist als nur eine weitere beeindruckende Soloplatte. Denn es ist so (und da darf man schon mal pathetisch werden, etwas, das dieses Album zu keiner Zeit ist): Nur gemeinsam ist sie zu erreichen, diese «Immaterial World».

Nadja Zela: «Immaterial World» (Patient Records/Irascible)

Konzerte:
16.04., Bundeshaus zu Wiedikon, Zürich
27.04., Kraftfeld, Winterthur
29.04., Le Singe, Biel
30.04., Kammgarn, Schaffhausen
06.05., Palace, St. Gallen
16.07., Café Kairo, Bern
02.09., Neubad, Luzern
03.09., El Lokal, Zürich:
17.09., Kiosk Tabak, Zürich
29.10., Bibliothek, Dottikon

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Record of the month (October): Evelinn Trouble “Arrowhead”

Unknown-1Comparisons are inevitable between Linnéa Racine (alias Evelinn Trouble) and her sister compatriots, Sophie Hunger and Anna Aaron. Swiss German warrior queens unconventionally reinventing their own style and vocabulary of the feminine musical idiom. Admittedly, Trouble is the most daring and dangerous of the lot. Starting out aged 16, her 4th LP ‘Arrowhead’ marks ten years of Trouble’s eclectic, defiant stance on the alternative Swiss music scene.

This is clearly NOT easy listening

Conceptually speaking, ’Arrowhead’ flies straight at you like a the sharp, piercing foreign body it suggests to be. An epically dark, dramatic work that lends itself perfectly to the term ‘rock poetry’. Based on the idea of a travelling performer hit in the middle of the forehead by a flying arrow at the airport en route to a gig, no time to have it removed, the show must go on. The nine tracks recount the torment, anguish and rebellion of the dreamlike state that Arrowhead is thrown into. « Like a chickenless head, living among the dead, run around with my arrow in my head, cannot get my head around where to be or where to go ». It’s an opus best appreciated with some context otherwise the oppressive, trippy, melancholic vibe might be at times too relentless for the listener. This is clearly NOT easy listening. Having the lyrics to hand, studying the Ziggy Stardust-inspired visuals and accepting the rock opera tendencies all help to glean the mesmerising scope of this project.

“An orchestrated trip”

Recorded in four days at the Invada Studios in Bristol, there are flashes of Massive Attack spaciousness and Portishead introspective mournfulness. Joined by musicians Florian Götte (bass) and Domi Chansorn (drums and percussion), Evelinn Trouble wails, plays guitar and adds sound layers. There’s an angry intention behind most tracks, the production is haunting and echoey with clashing, crashing sounds symbolic of an urban anxiety dream. A trapped soul is desperate to get out, yet revolted by what it has to go back to. Mumbling, fumbling, pleading, screaming. As the press release states, « it’s an orchestrated trip ». Trouble’s restless spirit and powerful blues voice conveys this alarmingly well.

It makes sense to see the whole body of work as a journey

In conversation, she mentions her desire to make a ‘concept album’ rather like those heavy rock pieces of the 70s. « There are melodic motifs that reappear throughout ‘Arrowhead’, repeated symbolism in various tracks, so it makes sense to see the whole body of work as a journey. Everything came to me quite magically. I actually had the dream of the arrow getting stuck in my head. It came at a time when I was travelling around a lot like many musicians. I was in a constant state of confusion, no home base, no safety, the urban traveller lost in a sometimes dangerous environment. I guess this is the sentiment I’m trying to convey the most. Life is not nice and easy all the time. The arrow will eventually come out, or you just forget it’s there and you learn to live with it ».

Apart from touring the album this winter, Trouble will be performing in the Thom Luz production of ‘Unusual Weather Phenomena Project’ in Zurich. Seeing as the theatre is clearly a place she’s comfortable with, I look forward to seeing the stage production of ‘Arrowhead – The Rock Opera’ at some point in the future.

New LP
Evelinn Trouble, “Arrowhead”, Bakara Music

Forthcoming gigs:
16.10. Le Singe, Biel (CH)
17.10. Le Bateau Ivre, Mons (BE)
20.10. The Finsbury, London (UK)
21.10. Powerlunches, Dalston (UK)
22.10. Mother’s Ruin, Bristol (UK)
23.10. Shacklewell Arms, London (UK)
24.10. Mau Mau Bar, London (UK)
25.10. The Union Bar, Hastings (UK)
30.10. Moods, Zürich (CH)
31.10. Mokka, Thun (CH)

 

Wenn Ursache und Wirkung zu Klang werden

Gleich bei der sinnigerweise „Ghost Fun“ benannten Einstiegsnummer raschelt und klappert es im Hintergrund, eine weit entfernte Stimme schnauft und singt – oder besser spricht –die Motive ansatzweise mit, die das Klavier fiebrig anreißt. Dass Klappern beim Genfer Pianisten und Komponisten Michel Wintsch zum Handwerk gehört, darf man indes schonb lange vor seinem neuen Album „Roof Fool“ behaupten. Schon immer hat sich der mittlerweile 51-Jährige für die Interferenzen und Interpolationen von Musik interessiert, für den Beiklang ihrer Entstehung, für die Hörbarkeit von Ursache und Wirkung. Schon als Kind wurde Klavierspielen für ihn zu einer Art „unverzichtbarer Askese“, wie er es selbst beschreibt, und das Erschaffen von Klängen zu einer Lebensweise. Was an Musikschulen gelehrt wird, hat ihm deshalb nie genügt, Wintsch suchte seine Inspiration immer in den verschiedensten, nicht unbedingt alltäglichen oder offensichtlichen Quellen.

Urklänge mit vielfältigen Bausteinen

pnomic(1)So ist Wintsch immer ein Avantgardist gewesen; einer freilich, bei dem die als klassische Avantgarde angesehene Moderne Musik nur ein kleiner Baustein ist. Der Spirit des Freejazz, die formalen Strukturen der Orchesterkomposition, die radikale Reduktion der Minimal Music, die Energie des Progressive Rock, die Sounderweiterungen der Elektronischen Musik – all das fließt in seiner Musik zusammen. Das machte ihm zum idealen Gefährten von Freigeistern wie Han Bennink, Ray Anderson, Michel Doneda, Fred Frith (zusammen mit der Schweizer Experimental-Vokalistin Franziska Baumann, der chinesischen Pipa- und Guqin-Spielerin Yang Ying oder dem Quintett desjungen Schweizer Trompeters Marco von Orelli; zu einem gefragten Theater- und Filmmusikkomponisten, zum Beispiel für zwei Spielfilme von Alain Tanner; vor allem aber zum immer noch unterschätzten spiritus rector diverser eigener Projekte, vom Trio WWW mit Christian Weber und Christian Wolfarth bis zum Sextett Face Nord.

Abstrakte Musik für den Live-Moment

hatOLOGY 730_cover(1)Dazu kommt mit „Roof Fool“ jetzt wieder ein Soloprogramm, das den eingeschlagenen Weg fortsetzt. In den meisten der 14 ganz disparaten, oft ganz auf eine starke Idee vertrauenden und deshalb erfreulich kurzen Stücken brodelt ein nach allen Seiten offener Urklang vor sich hin. Es kann dann ganz atonal und sprunghaft werden („Shopping Ladies“), aber auch sphärisch-melodisch („Phytihob Wag“), mal ein Spiel mit Pausen und Anschlägen („Là où y a des croîtres“), ein wilder rhythmischer Parforderitt („Si c’est assez, cessez“) oder eine locker vor sich hinschaukelnde Miniatur („Adroit à gauche“). Selbst wenn die technischen Anforderungen hoch sind wie bei „Dyuke“ und das Timekeeping in die Nähe des Schlagzeugspiels rutscht wie beim Titelstück, steht das Pianistisch-Virtuose nie im Vordergrund, stets geht es um die Klangidee.

So bleibt Wintschs Musik abstrakter, weniger gefällig und schwerer zugänglich als die der meisten anderen Pianisten – selbst wenn manches nicht eines erfrischenden Humors entbehrt, wie ja schon der Name von Wintschs bekanntestem, seit 1998 bestehenden Trio mit dem US-Schlagzeuger Garry Hemingway und dem Schweizer Bassisten Benz Oester: The Who Trio. Seine Musik ist oft eins mit ihrem Entstehungsprozess. Schon deshalb ist die Aufnahme hier in besonderer Weise nur ein Hilfskonstrukt zur Bewahrung dessen, was eigentlich ganz dem Moment gehört. So wird der Spezialist „Roof Fool“ mit viel Gewinn hören, die meisten Hörer aber werden sich anstrengen müssen. Für sie dürfte es äußerst hilfreich sein, Michel Wintsch beim kreativen Akt beobachten zu können. Diese Gelegenheit ergibt sich am 30. August beim Willisau Jazzfestival, wenn Wintsch sein Album vorstellt. Alleine am Flügel, aber mit dem für das Projekt äußerst wichtigen Soundmann Benoit Piccand – womit wir wieder beim Rascheln und Schnaufen sind.

Live: Sonntag, 30. August, 14 Uhr, Hauptbühne des Willisau Jazzfestivals

Michel Wintsch „Roof Fool“, HatHut Records


 

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