Das unwiderstehliche neue Album „Octopus“ des Christoph Irniger Trios

Christoph Irniger_image_lowMit seinen 36 Jahren gehört der Saxofonist Christoph Irniger zur der Generation junger Jazzmusiker, denen buchstäblich die Welt gehört. Mag die frühe musikalische Prägung noch regional verortet sein, die Ausbildung und Arbeit im Jazz ist es heutzutage nicht mehr. Kommilitonen, Dozenten, Bands – der internationale Austausch ist vollkommen, ob in Paris, Boston, Berlin oder Zürich. Man hört das – auch bei Christoph Irniger.

Vieles ist bei ihm eingeflossen durch den Unterricht bei Amerikanern wie David Friedman, Mark Turner oder Ari Hoenig, durch Aufenthalte in New York oder Berlin, durch die Arbeit mit Leuten wie Nasheet Waits, Dave Douglas, Nils Wogram, Max Frankl oder Claudio Puntin. Ein normaler Austausch für heutige Profi-Jazzer, trotzdem ist nicht selbstverständlich, was Irniger daraus entwickelt hat: einen eigenen Ton und eine typische Kompositionshaltung.

Spektakulär unaufgeregt

Beides ist wunderbar auf seinem neuen Trio-Album „Octopus“ (erschienen bei Intakt) zu bewundern. Schon den Opener „Air“ – der Titel hat nichts mit Bach oder Ähnlichem zu tun, er rekurriert auf die Luftzirkulation, wie sie ein Saxofonist besonders intensiv wahrnimmt – dominieren Irnigers ganz betont unaufgeregten, noch in stürmischen Passagen lyrischen, ungewöhnlich vibratolos gespielten Saxofonlinien. Stets sind melodische Elemente, vom minimalistischen Motiv bis zum ausgewachsenen Ohrwurm, die Basis von Irnigers Kompositionen.

Ihre oft nur rhythmische Variation und formale Entwicklung ist hier die große Kunst. So kann man sich trefflich darüber streiten, welches Stück am wunderbarsten mitreißenden Drive und unwiderstehliche Kraft aus seinen ganz schlichten Ausgangsmaterialien entwickelt. Das beboppig und mit federndem Schlagzeug startende „Dovescape“; das flinke „VGO“ mit seinen Quartenspielereien; oder doch das shuffelige „Blue Tips“, das mit seinen verzögerten, dann immer kurioser gefüllten Stops ebenso Spannung wie gute Laune aufbaut.

Eine echte working band

ChristophIrnigerTrio_213„Octopus“ ist nach „Gowanus Canal“ bereits das zweite Album dieses 2011 zusammengefundenen Trios. Irniger hatte in New York den israelischen Schlagzeuger Ziv Ravitz kennengelernt und sofort das Potential einer Zusammenarbeit entdeckt. Der 39-jährige liebt das perkussive, farbintensive Schlagzeugspiel, noch in den verwegensten polyrhythmischen Eskapaden bleibt er swingend. So ist er inzwischen einer der gefragtesten Drummer der New Yorker wie der internationalen Szene geworden, von den großen Alten bis zu den jungen Wilden. So spielt Ravitz unter anderem fest im Lee Konitz New Quartet, aber auch im Shai Maestro Trio, in der Yaron Herman Group oder bei Florian Webers Minsarah. Und eben in Christoph Irnigers Trio.

Der Bassist Raffaele Bossard wiederum war quasi gesetzt. Dem Heiri-Känzig-Schüler und Mitglied von Matthias Spillmans Mats-Up vertraut Irniger auch schon in seinem Quintett Pilgrim, bei dem es viel wilder zur Sache geht. Es handelt sich also hier in der Tat um eine working band mit drei gleich talentierten wie orientierten Mitgliedern, die bereits viel Zeit miteinander verbrecht hat. Und so ist jeder nicht nur befugt, sondern auch befähigt, eigene Akzente zu setzen. In besten Fall, etwa bei „Ocean Avenue“ oder „Cripple X“ gelingt es den dreien, dass jeder eine völlig eigene, aus dem Moment geborene Stimme spielt, die sich doch perfekt ergänzen. Mehr kann man von einem Jazztrio nicht verlangen. Irniger wird demnächst beweisen, dass das live mindestens so intensiv klingt wie auf Platte, er ist in den nächsten Monaten sowohl mit seinem Trio wie mit seinem Quintett auf Tour.

Neue Trio-Album

Christoph Irniger Trio: „Octopus“ (Intakt)

Live mit dem Trio

La Chaux-de-Fonds (CH), Le Mur du Son, am 4. Dez
Zurich (CH), Jazzclubs Moods, am 5.Dez

Weitere Konzerte: http://www.christophirniger.com/de/projects/trio/

Live mit Pilgrim

Frankfurt (D), Jazz Initiative, am 8. Okotber
Zurich (CH), Im Mehrspur, am 16.Okt
Altdorf (CH), Im Thater Uri, am 27.Oktober
Nordhausen (D), Cyriaci Kapelle, am 31. Oktober
Prag (CZ), Jazz Docks, am 1.November
Berlin (D), A Trane, am 3.November

Weitere Konzerte: http://www.christophirniger.com/de/projects/pilgrim/

 

 

 

 

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Das Treffen von zwei Kolossen

Andreas Schaerers Band Hildegard lernt fliegen wird beim Luzerne Festival symphonisch

Probe 1: Andreas Schaerer (links) und Lucerne Festival Academy Orchestra ©Stefan Deuber

Probe 1: Andreas Schaerer (links) und Lucerne Festival Academy Orchestra ©Stefan Deuber

Es gibt gleich einige gute Gründe, warum der Berner Andreas Schaerer derzeit der vielleicht interessanteste Gesangskünstler der Musikszene ist. Was damit beginnt, das der aktuelle Preisträger des Echo Jazz in der Sparte „Gesang international“ (und damit direkter Nachfolger von Gregory Porter) weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt; Schaerer ist vielmehr ein Stimm-Jongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern damit auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Schlagzeug imitieren und polyphon übereinander türmen kann. Er ist darüber hinaus ein glänzender Komponist und Improvisator, der diese Fähigkeiten für die verschiedensten Projekte variabel einsetzen und rhythmisch wie melodisch virtuos gestalten kann. Und er verfügt schließlich in reichem Maße über Bühnen-Charisma und die in der „ernsten Musik“ eher seltenen Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard lernt fliegen zur Geltung kommt.

Interessantester Vokalist der Gegenwart
Probe 2: Andreas Schaerer mit Lucerne Festival Academy Orchestra ©Stefan Deuber

Probe 2: Andreas Schaerer mit Lucerne Festival Academy Orchestra ©Stefan Deuber

So ist es folgerichtig, dass Hildegard lernt fliegen vor zwei Jahren den BMW Welt Jazz Award gewann, als dessen jährlich wechselndes Motto „Sense of Humour“ lautete; und dass Schaerer mit der Band nun beim Lucerne Festival ins Spiel kam – lautet doch dessen Motto heuer „Humor“. Dramaturg Mark Sattler, beim Festival seit 16 Jahren für „zeitgenössische Projekte“ zuständig, fragte Schaerer, ob er nicht einen Hildegard-Auftritt mit einer 20-minutigen Komposition für das Lucerne Festival Academy Orchestra kombinieren wolle. Schaerer ergriff mehr als nur den gereichten Finger und schrieb gleich den kompletten 70-Minuten-Auftritt als „The Big Wig“ betiteltes Orchesterstück für 66 Musiker. Am vergangenen Samstag erblickte das kurz, aber intensiv geprobte, von Schaerer komponierte, arrangierte und orchestrierte, dann vom Hildegard-Saxofonisten (und ehemaligen Geiger) Matthias Wenger feingeschliffene Werk im Luzerner KKL das Licht der Welt – und riss die Zuschauer von den Stühlen.

Mehr Kraft, weniger Gags
Probe 3: Hildegards Blechbläser ©Stefan Deuber

Probe 3: Hildegards Blechbläser ©Stefan Deuber

Paradoxerweise – hält man sich das Festivalmotto vor Augen – hat man wohl noch keinen „seriöseren“, weniger „lustigen“ Hildegard-Auftritt erleben können. Was die logische und bewusste Konsequenz daraus war, dass Schaerer seine Chance beim Schopf packte und alle Möglichkeiten des sinfonischen Rahmens ausschöpfte. Denn damit traten er selbst wie seine Hildegard-Mitstreiter sozusagen ins zweite Glied, um sich in den orchestralen Gesamtklang einzufügen. Die drei adaptierten Hildegard-Hits „Zeusler“, „Seven Oaks“ und „Don Clemenza“ gewannen so einen neuen Fluss und enorme, mitunter filmische Kraft und verloren die in der kleinen Besetzung latente Zickigkeit. Und die eigens geschriebenen Stücke wie „Two Colosses“ ergaben inspirierte Sinfonik mit einem Esprit und einer stets zugänglich bleibenden Experimentierlust, der den meisten neuen Werken dieses Genres fehlt. Das junge, mit überragenden Talenten aus aller Welt gespickte und vom Dirigenten Mariano Chiaccharini lässig, aber präzise instruierte Orchester hatte sichtlich seinen Spaß und ließ sich sogar vom kurz das Dirigentenpult enternden Schaerer auf Jazz-Abwege führen: Wann hat man je ein Sinfonieorchester gelungen kollektiv improvisieren sehen.

Eine sinnvolle Symbiose

Ohnehin ist die Kombination aus klassischem Orchester und Jazzband ja schon oft genug missglückt, zuletzt durfte man sich bei Geir Lysnes Monteverdi-Morricone-Hybridkompositionen vom Auftritt Michael Wollnys mit den 12 Cellisten in Berlin enttäuscht fühlen. Hier war es eine runde Sache, eine sinnvolle und befruchtende Symbiose, die allen Beteiligten nicht nur unvergesslich bleiben, sondern ihnen auch bei der weiteren musikalischen Entwicklung helfen wird.

Wenn Ursache und Wirkung zu Klang werden

Gleich bei der sinnigerweise „Ghost Fun“ benannten Einstiegsnummer raschelt und klappert es im Hintergrund, eine weit entfernte Stimme schnauft und singt – oder besser spricht –die Motive ansatzweise mit, die das Klavier fiebrig anreißt. Dass Klappern beim Genfer Pianisten und Komponisten Michel Wintsch zum Handwerk gehört, darf man indes schonb lange vor seinem neuen Album „Roof Fool“ behaupten. Schon immer hat sich der mittlerweile 51-Jährige für die Interferenzen und Interpolationen von Musik interessiert, für den Beiklang ihrer Entstehung, für die Hörbarkeit von Ursache und Wirkung. Schon als Kind wurde Klavierspielen für ihn zu einer Art „unverzichtbarer Askese“, wie er es selbst beschreibt, und das Erschaffen von Klängen zu einer Lebensweise. Was an Musikschulen gelehrt wird, hat ihm deshalb nie genügt, Wintsch suchte seine Inspiration immer in den verschiedensten, nicht unbedingt alltäglichen oder offensichtlichen Quellen.

Urklänge mit vielfältigen Bausteinen

pnomic(1)So ist Wintsch immer ein Avantgardist gewesen; einer freilich, bei dem die als klassische Avantgarde angesehene Moderne Musik nur ein kleiner Baustein ist. Der Spirit des Freejazz, die formalen Strukturen der Orchesterkomposition, die radikale Reduktion der Minimal Music, die Energie des Progressive Rock, die Sounderweiterungen der Elektronischen Musik – all das fließt in seiner Musik zusammen. Das machte ihm zum idealen Gefährten von Freigeistern wie Han Bennink, Ray Anderson, Michel Doneda, Fred Frith (zusammen mit der Schweizer Experimental-Vokalistin Franziska Baumann, der chinesischen Pipa- und Guqin-Spielerin Yang Ying oder dem Quintett desjungen Schweizer Trompeters Marco von Orelli; zu einem gefragten Theater- und Filmmusikkomponisten, zum Beispiel für zwei Spielfilme von Alain Tanner; vor allem aber zum immer noch unterschätzten spiritus rector diverser eigener Projekte, vom Trio WWW mit Christian Weber und Christian Wolfarth bis zum Sextett Face Nord.

Abstrakte Musik für den Live-Moment

hatOLOGY 730_cover(1)Dazu kommt mit „Roof Fool“ jetzt wieder ein Soloprogramm, das den eingeschlagenen Weg fortsetzt. In den meisten der 14 ganz disparaten, oft ganz auf eine starke Idee vertrauenden und deshalb erfreulich kurzen Stücken brodelt ein nach allen Seiten offener Urklang vor sich hin. Es kann dann ganz atonal und sprunghaft werden („Shopping Ladies“), aber auch sphärisch-melodisch („Phytihob Wag“), mal ein Spiel mit Pausen und Anschlägen („Là où y a des croîtres“), ein wilder rhythmischer Parforderitt („Si c’est assez, cessez“) oder eine locker vor sich hinschaukelnde Miniatur („Adroit à gauche“). Selbst wenn die technischen Anforderungen hoch sind wie bei „Dyuke“ und das Timekeeping in die Nähe des Schlagzeugspiels rutscht wie beim Titelstück, steht das Pianistisch-Virtuose nie im Vordergrund, stets geht es um die Klangidee.

So bleibt Wintschs Musik abstrakter, weniger gefällig und schwerer zugänglich als die der meisten anderen Pianisten – selbst wenn manches nicht eines erfrischenden Humors entbehrt, wie ja schon der Name von Wintschs bekanntestem, seit 1998 bestehenden Trio mit dem US-Schlagzeuger Garry Hemingway und dem Schweizer Bassisten Benz Oester: The Who Trio. Seine Musik ist oft eins mit ihrem Entstehungsprozess. Schon deshalb ist die Aufnahme hier in besonderer Weise nur ein Hilfskonstrukt zur Bewahrung dessen, was eigentlich ganz dem Moment gehört. So wird der Spezialist „Roof Fool“ mit viel Gewinn hören, die meisten Hörer aber werden sich anstrengen müssen. Für sie dürfte es äußerst hilfreich sein, Michel Wintsch beim kreativen Akt beobachten zu können. Diese Gelegenheit ergibt sich am 30. August beim Willisau Jazzfestival, wenn Wintsch sein Album vorstellt. Alleine am Flügel, aber mit dem für das Projekt äußerst wichtigen Soundmann Benoit Piccand – womit wir wieder beim Rascheln und Schnaufen sind.

Live: Sonntag, 30. August, 14 Uhr, Hauptbühne des Willisau Jazzfestivals

Michel Wintsch „Roof Fool“, HatHut Records


 

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