Swiss Vibes geht in Pause

Swiss No SwissJeden Frühling wird das Gefieder erneuert. Für Swiss Vibes bedeutet dieser Gefiederwechsel eine Zeit der Unterbrechung. Wie ihr wisst, ist der seit fünf Jahren existierende Blog Swiss Vibes ein Sprachrohr der schweizerischen Musikszene, angeregt und belebt durch Journalisten aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland sowie England. In seinen Anfängen (im Jahre 2009) war Swiss Vibes jedoch nur eine einfache Zusammenstellung, ein Sampler, der von Pro Helvetia* ins Leben gerufen und jedem Abonnenten des französischschweizerischen Magazins Vibration zugestellt wurde. Der Erfolg dieses ersten Samplers führte 2011 zur Fortsetzung. Zu dieser Zeit entwickelte sich die Idee eines Blogs, welcher mehr Informationen enthält und somit der schweizerischen Musikszene, welche sich im Aufschwung befindet, größere Bedeutung zukommen lässt.

Aus einem einfachen Blog, bei dem ich die einzige Redakteurin, Animatorin und Aktivistin war, entwickelte sich schnell ein Webmagazin mit Artikeln auf verschiedenste Sprachen, welche aus den Federn leidenschaftlicher Journalisten entstanden : Beatrice Venturini, Debra Richards und HP Kuenzler (für die englischen Teile), Oliver Hochkeppel, Benedikt Sartorius, Souri Thalong, Benedikt Wieland (für die deutschen Teile) et Timothée Barrière, Jean-Cosme Delaloye, Sophia Bischoff und Ich (für die französischen Teile). Innerhalb kurzer Zeit wurde Swiss Vibes von Schweizer Musikern anerkannt, welche bei jedem neuen Projekt unsere Dienste ersuchten. Manche haben sich sogar aktiv beteiligt, indem sie ein Logbuch schrieben oder uns Fotos ihrer Tourneen sendeten. Danke an alle, für diese wertvollen Beiträge!

Heute, Pro Helvetia – welche die einzige Struktur ist, die Swiss Vibes finanziert – hat entschieden ihre Internetstrategie erneut zu überdenken. Swiss Vibes nimmt sich daher Zeit für Überlegungen und wird die regelmäßige Veröffentlichung von Artikeln unterbrechen. Ich persönlich nehme nach fünf fruchtbaren und bereichernden Jahren Abschied von Swiss Vibes. Tausend Dank an alle und bis bald, auf neuen musikalischen Abenteuern.

(Übersetzung Selina Sauer-Katana)

*Pro Helvetia –  Schweizer Kulturstiftung

 

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Album: Yves Theiler Trio

yt_cd_coverVor vier Jahren erschien das Debut-Album des Yves Theiler Trio und wurde von der SRF2-Kulturredaktion gleich zum Trio-Album des Jahres gekürt. Eigentlich hätte er schon früher nachdoppeln wollen, sagt der 28jährige Pianist aus Zürich, aber ein Personal-, beziehungsweise Instrumentenwechsel hatte eine Verzögerung zur Folge. Statt dem Fretless-Ebass von Valentin Dietrich ist nun der Kontrabass von Luca Sisera zu hören, mit dem Theiler auch in der Band Roofer zusammenspielt. Der Klang des Instrumentes zusammen mit Siseras fluid-melodischem Stil verleihen dem rhythmisch explosiven und doch kristallklar präzisen Sound des Trios eine geradezu sonnige, neue Wärme.

Yves Theiler TrioSo viel wird bereits im ersten Stück des von Radio SRF2 ko-produzierten Zweitlings “Dance in a Triangle” klar. Es heisst “For Bass” und beginnt mit einer fast zweiminütigen Einführung, wo eine fein gesponnene Bassmelodie von einer insistenten, einzelnen Pianonote und Perkussion vorwärtsgetrieben werden, ehe Theiler einen druckvollen Groove und eine labyrinthartige Melodie ins Geschehen einführt, die irgendwo zwischen Afrika und Erik Satie angesiedelt ist.

Yves Theiler_live_1Mit dem Perkussionisten Lukas Mantel arbeitet der Pianist seit zehn Jahren zusammen. Das daraus resultierende telepathische Verständnis erlaubt es dem Trio, die überaus subtile Komplexität von Theilers Kompositionen – sie beginnen zumeist mit einer Improvisation allein am Klavier – mit einer rhythmischen Dynamik auszuleuchten, welche der atemberaubenden Virtuosität des Gebotenen einen starken, emotionellen Rückhalt gibt. Mit jugendlicher Verspieltheit jongliert Theiler mit Techniken und Stilen aus der ganzen Welt zwischen Eritrea, Ahmad Jamal und Post-Rock. Dennoch tritt nie das Gefühl auf, man habe es mit einer Elster zu tun, denn jeder Musiker hat seine eigene Stimme und schreckt nicht dafür zurück, sie laut und deutlich einzusetzen. Ein Album voller Witz, Energie und kühnen Kurven.

Yves Theiler Trio, “Dance in a Triangle” (MGB Jazz 18)  
Link für Yves Theiler Konzerte

Record of the Month (April): Nadja Zela «Immaterial World»

 

zela_2016_4a_rgb©niklaus_spoerriEin Banjo zupft ein repetitives Muster, die Band setzt mit einem bestimmten, akzentuierten Spiel ein, während die Protagonistin durch den mit blauem Industrielicht ausgeleuchteten Gang schreitet – und näher kommt. Sie hat eine elektrische Gitarre, Marke Gretsch, umgehängt und als sie ankommt am Ende des langen Korridors, singt sie nur die Worte: «I’m still alive.»

 

Eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft

Die «Überlebende», die diese Zeile nicht ohne Trotz intoniert, ist Nadja Zela, die glücklicherweise immer noch da ist und seit über zwei Jahrzehnten eine markante weibliche Stimme in der Schweizer Rocklandschaft ist. Erst waren da Bands wie The Whooshings oder Rosebud, später dann Fifty Foot Mama. Ab 2009 veröffentlicht Zela nur noch unter eigenem Namen. Immer war die 44-jährige Zürcherin da, doch nie mittendrin. Denn dazu sind ihre Musik und ihre Stimme zu eigensinnig und unverkennbar. Und vor allem: Zela lässt sich nicht vereinnahmen. Wenn es zu bequem wird, dann bricht sie auf – und geht weiter.

“Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk!”

«Immaterial World» ist ihr viertes Album. Sie hat es mit einer neuen, rockigeren Band eingespielt – mit Martin Fischer am Schlagzeug, Michel Lehner am Bass, Nico Feer an Gitarre und Bruder Rico Zela an Orgel und Oboe. Mitproduziert wurde es von Mama-Rosin-Mitglied Robin Girod. «Ich hatte einfach plötzlich wieder dieses Lechzen nach einer Rockband», schreibt sie. Denn ihr wurde es «zu Comfort-Zone-mässig» mit der vorherigen jazzigen Formation. «Ich mag es einfach nicht, wenn eine Szene mich für sich beansprucht. Ich bin doch nicht Blues! Ich bin auch nicht Rock oder Folk! Ich will Zela sein, irgendwas zwischen Bowie, Sister Rosetta Tharpe und Cheyenne aus ‘Spiel mir das Lied vom Tod’», so Zela.

Eine Art kollektive Ahnung

Das Album beginnt mit einem stillen «Prelude». «We are the children of the old world», singt Zela, nur begleitet von ihrem Gitarrenspiel. Sie meint mit dieser Zeile vor allem ihre Generation der «Golden Age Kids in Europa» – «die aufgeklärte, prosperierende, kolonialisierende, missionierende alte Welt.» Eine Welt, die wie der Kapitalismus ihrer Meinung nach ausgedient habe. Die «Immaterial World», die Zela in zwölf Songs besingt, empfindet sie «als eine Art kollektive Ahnung von einer seelischen Verbundenheit der Menschen in ihrem Bestreben nach Liebe, Zusammenhalt und Frieden.» Dies sei nicht religiös oder esoterisch motiviert, sondern rein emotional zu verstehen.

Die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden

Und so klingt denn auch «Immaterial World», das versucht, aufzubrechen in diese neue, bessere Welt – und es aber nicht immer schafft, die Gegenwart und Vergangenheit zu überwinden. Weil: Die Verletzungen, das Elend und Ungerechtigkeiten der momentanen Gesellschaft, sie geben den Ton mit an, beispielsweise im schroffen «I’m Still Alive» – einem der Schlüsselsongs der Platte – oder gleich darauf in «Break Every Bone». Und selbst wenn die Band ausgelassen aufspielt wie in «Sunday Morning» fühlt sich die Sängerin allein. Aber: «I try to carry on», weil es muss weitergehen, irgendwie.

Es gibt aber auch Hoffnung, und Aufrufe zu mehr Solidarität wie im grossartigen «Mercy on the Weak», in dem Zela und ihre Band eine entspannte und doch dringliche Gospelspielart entwerfen. Überhaupt: Diese Band folgt Zela und ihrer Stimme überallhin – sei es im Reggae «Level Off Level Out» oder im abschliessenden und tröstenden «Homeless Son» – und es ist zu hören, dass hier etwas gemeinsames entstanden ist, das mehr ist als nur eine weitere beeindruckende Soloplatte. Denn es ist so (und da darf man schon mal pathetisch werden, etwas, das dieses Album zu keiner Zeit ist): Nur gemeinsam ist sie zu erreichen, diese «Immaterial World».

Nadja Zela: «Immaterial World» (Patient Records/Irascible)

Konzerte:
16.04., Bundeshaus zu Wiedikon, Zürich
27.04., Kraftfeld, Winterthur
29.04., Le Singe, Biel
30.04., Kammgarn, Schaffhausen
06.05., Palace, St. Gallen
16.07., Café Kairo, Bern
02.09., Neubad, Luzern
03.09., El Lokal, Zürich:
17.09., Kiosk Tabak, Zürich
29.10., Bibliothek, Dottikon

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