Wenn Ursache und Wirkung zu Klang werden

Gleich bei der sinnigerweise „Ghost Fun“ benannten Einstiegsnummer raschelt und klappert es im Hintergrund, eine weit entfernte Stimme schnauft und singt – oder besser spricht –die Motive ansatzweise mit, die das Klavier fiebrig anreißt. Dass Klappern beim Genfer Pianisten und Komponisten Michel Wintsch zum Handwerk gehört, darf man indes schonb lange vor seinem neuen Album „Roof Fool“ behaupten. Schon immer hat sich der mittlerweile 51-Jährige für die Interferenzen und Interpolationen von Musik interessiert, für den Beiklang ihrer Entstehung, für die Hörbarkeit von Ursache und Wirkung. Schon als Kind wurde Klavierspielen für ihn zu einer Art „unverzichtbarer Askese“, wie er es selbst beschreibt, und das Erschaffen von Klängen zu einer Lebensweise. Was an Musikschulen gelehrt wird, hat ihm deshalb nie genügt, Wintsch suchte seine Inspiration immer in den verschiedensten, nicht unbedingt alltäglichen oder offensichtlichen Quellen.

Urklänge mit vielfältigen Bausteinen

pnomic(1)So ist Wintsch immer ein Avantgardist gewesen; einer freilich, bei dem die als klassische Avantgarde angesehene Moderne Musik nur ein kleiner Baustein ist. Der Spirit des Freejazz, die formalen Strukturen der Orchesterkomposition, die radikale Reduktion der Minimal Music, die Energie des Progressive Rock, die Sounderweiterungen der Elektronischen Musik – all das fließt in seiner Musik zusammen. Das machte ihm zum idealen Gefährten von Freigeistern wie Han Bennink, Ray Anderson, Michel Doneda, Fred Frith (zusammen mit der Schweizer Experimental-Vokalistin Franziska Baumann, der chinesischen Pipa- und Guqin-Spielerin Yang Ying oder dem Quintett desjungen Schweizer Trompeters Marco von Orelli; zu einem gefragten Theater- und Filmmusikkomponisten, zum Beispiel für zwei Spielfilme von Alain Tanner; vor allem aber zum immer noch unterschätzten spiritus rector diverser eigener Projekte, vom Trio WWW mit Christian Weber und Christian Wolfarth bis zum Sextett Face Nord.

Abstrakte Musik für den Live-Moment

hatOLOGY 730_cover(1)Dazu kommt mit „Roof Fool“ jetzt wieder ein Soloprogramm, das den eingeschlagenen Weg fortsetzt. In den meisten der 14 ganz disparaten, oft ganz auf eine starke Idee vertrauenden und deshalb erfreulich kurzen Stücken brodelt ein nach allen Seiten offener Urklang vor sich hin. Es kann dann ganz atonal und sprunghaft werden („Shopping Ladies“), aber auch sphärisch-melodisch („Phytihob Wag“), mal ein Spiel mit Pausen und Anschlägen („Là où y a des croîtres“), ein wilder rhythmischer Parforderitt („Si c’est assez, cessez“) oder eine locker vor sich hinschaukelnde Miniatur („Adroit à gauche“). Selbst wenn die technischen Anforderungen hoch sind wie bei „Dyuke“ und das Timekeeping in die Nähe des Schlagzeugspiels rutscht wie beim Titelstück, steht das Pianistisch-Virtuose nie im Vordergrund, stets geht es um die Klangidee.

So bleibt Wintschs Musik abstrakter, weniger gefällig und schwerer zugänglich als die der meisten anderen Pianisten – selbst wenn manches nicht eines erfrischenden Humors entbehrt, wie ja schon der Name von Wintschs bekanntestem, seit 1998 bestehenden Trio mit dem US-Schlagzeuger Garry Hemingway und dem Schweizer Bassisten Benz Oester: The Who Trio. Seine Musik ist oft eins mit ihrem Entstehungsprozess. Schon deshalb ist die Aufnahme hier in besonderer Weise nur ein Hilfskonstrukt zur Bewahrung dessen, was eigentlich ganz dem Moment gehört. So wird der Spezialist „Roof Fool“ mit viel Gewinn hören, die meisten Hörer aber werden sich anstrengen müssen. Für sie dürfte es äußerst hilfreich sein, Michel Wintsch beim kreativen Akt beobachten zu können. Diese Gelegenheit ergibt sich am 30. August beim Willisau Jazzfestival, wenn Wintsch sein Album vorstellt. Alleine am Flügel, aber mit dem für das Projekt äußerst wichtigen Soundmann Benoit Piccand – womit wir wieder beim Rascheln und Schnaufen sind.

Live: Sonntag, 30. August, 14 Uhr, Hauptbühne des Willisau Jazzfestivals

Michel Wintsch „Roof Fool“, HatHut Records


 

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