Anschläge auf das Musikverständnis

Andreas Schaerer bekommt in Hamburg den Echo Jazz als „Sänger des Jahres International“

andreas_schaerer_201510990_ret_swAndreas Schaerer ist in Deutschland angekommen. Im vergangenen Jahr gewann der Berner Sänger mit seiner wilden Band Hildegard lernt fliegen in München den mit immerhin 10.000 Euro dotierten BMW Welt Jazz Award. Jetzt durfte er in Hamburg den Echo Jazz in der Kategorie“ „Sänger des Jahres International“ – sein direkter Vorgänger war kein Geringerer als Gregory Porter – entgegennehmen. Zwar undotiert, aber vom Renommee her inzwischen doch eine Art deutscher Grammy. „Ich freue mich unglaublich über die Auszeichnung“, sagte Scharer, kurz bevor er den Spießrutenlauf auf dem roten Teppich zur Fotowand nach amerikanischem absolvierte. „Das ist ja eine Form der Anerkennung, die einen in seinen Überzeugungen bestätigt. Eine Resonanz, die einen motiviert, das oft unglaubliche Arbeitspensum auf sich zu nehmen, Gas zu geben, alles auf eine Karte zu setzen.“

Schaerers Auszeichnung hat Signalwirkung

andreas_schaerer_201510685_ret_swSo wie der Begriff Jazz inzwischen kein fest definierbares Genre mehr beschreibt, sondern für individuelle Musik heterogenster Quellen steht, so ist auch die Kategorie „Sänger“ bei Andreas Schaerer ein hilflose Untertreibung. Er setzt nicht nur alle Stile von der Opernkoloratur und dem klassischen Liedgesang über Crooner-Swing und Bebop-Scat bis zu expressionistischen Vokalisen und Experimentalgesang ein, er imitiert auch Geräusche und Instrumente und beherrscht überdies Multiphonic-Beatboxing. In den verschiedensten Projekten, vom Duo mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli über das Trio Schaerer-Rom-Eberle über die Kollaboration mit dem Arte Quartett und dem Bassisten Wolfgang Zwiauer bis zum Vorzeige-Sextett Hildegard lernt fliegen er damit gleichberechtigtes Instrument, ja als Komponist vieler Stücke auch oft Erster unter Gleichen. Als weiteres Alleinstellungsmerkmal kommt der direkt der Musik entspringende wie in den Moderationen gepflegte Humor dazu, der seinen Auftritten oft schon kabarettistische Züge verleiht. Leider durfte Schaerer beim Echo nicht auftreten, der wie viele andere beim Festakt selbst die Musik jenseits des Mainstreams vermisste.

Orgien der Fantasie
Andreas Schaerer, Brigitte Wullimann ECHO JAZZ 2015,  © Markus Nass / BVMI

Andreas Schaerer, Brigitte Wullimann
ECHO JAZZ 2015,
© Markus Nass / BVMI

Dafür gab es eine schöne Laudatio von Mr. Tagesschau Jan Hofer , der Schaerers Auftritte als „Orgien der Fantasie, famoses Chaos und Anschläge auf der Musikverständnis“ rühmte – obwohl er ihn noch nie live gesehen hat, wie er im kleinen Kreis bei der anschließenden Party verriet. Schaerer griff in seiner kurzen Dankesrede die Erwähnung seiner klangexperimentellen Jugend in den Emmentaler und Walliser Bergen gewohnt humorvoll auf: Er habe sich als Kind oft gefragt, wie das Echo aussieht, das ihm aus dem Tal zurückkam. Jetzt – und dabei reckte er die sperrige Trophäe empor – wisse er es. Wie ein Schweizer Echo idealerweise klingt, das erfahren demnächst die Besucher von „Bingen swingt“ und des Südtirol-Festivals, bei dem Schaerer zu den favorisierten Stammgästen des innovativen Festivalleiter Klaus Widmann gehört.

 

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