Release: Kaos Protokoll Tour-Doku Russland/Ukraine 2013

„zdravstvuyte. Mi Kaos Protokoll i mi iz Shveytsáriya. My rady igrat vrasi v pervyy raz. Spasibo Bol’shoye.“

Mittlerweile können wir diesen Begrüssungssatz den wir jeweils an unseren Konzerten brachten im Schlaf, aber was haben wir nicht dafür geübt.

Gut, es gab auch reichlich Flugstunden, die genug Zeit boten, sich mit den russischen Verhaltens -und Sprachregelen auseinander zu setzen.

Aber beginnen wir von vorne…

Heute, genau vor einem Jahr waren wir das erste Mal in Russland und der Ukraine auf Tour. Überhaupt war davor noch nie jemand von uns in dieser Gegend. Vorfreude mischte sich mit Spannung und Aufregung.

Zur Einstimmung schauten wir uns ein paar „Russian Traffic“ Filmchen auf Youtube an, um uns ein wenig auf das Russische „Verkehrs –Roulette“ vorzubereiten. Der Flugzeugabsturz einen Monat vor Tourbeginn in Kazan, demselben Flughafen, den auch wir noch benutzen sollten, liess natürlich auch uns nicht kalt und so gab es kurz vor Abflug in München für alle noch ein Gläschen Verdrängungs-Wodka.

IMG_95451. Tag Moskau

Moskau war unsere erste Station in Russland. Es herrschten eisige minus 10 Grad. Wir spielten im renommierten Kozlov Club. Ein netter Laden dessen Eingang leicht übersehbar durch eine „Anne Frank – Bücherregal-Türe“ führte. Der Club war längst nicht voll, aber die Leute tanzten und kaum hatten wir den letzten Ton gespielt, standen bereits die ersten im Backstagebereich und wollten Fotos und Autogramme von uns. Wir dachten, die hätten sich wohl in der Tür geirrt. Warum wollen die nun Fotos und Autogramme von uns? Es sollte nicht unsere letzte Überraschung des russischen Publikums bleiben.

2. Tag Kaliningrad

Von Moskau ging es weiter mit dem Flieger in die russische Exklave Kaliningrad. „Dreadnought“, hiess der Club, der einem U-Boot nachempfunden wurde und einen schier endlosen Gang hatte, der uns vom Backstage bis zur Bühne führte. Das Haus war voll und die Leute noch euphorischer als zuvor in Moskau. An die obligaten Autogrammstunden und Fotosessions haben wir uns mittlerweile gewöhnt, war auch nicht all zu schwer, doch unser gesamter CD Bestand war schon fast ausverkauft und das hat uns dann doch etwas überrascht, ist doch Russland eher für den Musik Download als für die Kaufkraft bekannt.

3. Tag Arkhangelsk

Weiter ging es mit dem Flug über Moskau in den noch kälteren Norden nach Arkhangelsk, ein nettes russisches Städtchen am weissen Meer. Nachmittags angekommen, war es bereits stockdunkel, aber das ist es dort immer, zumindest im Winter, egal zu welcher Tageszeit.

Wir spielten in einem Museum, der Saal war voll, die Stimmung elektrisierend. Wir wollten soeben zur Zugabe ansetzen, da packte der Veranstalter das Mikrophon und startete zu einer grossen Rede, die unser Vorhaben sogleich wieder im Keim ersticken liess. Es schien, als würde er nun rückblickend versuchen in Worte zu fassen, was wir gespielt hatten. Und ach ja, Zugaben kennen die Russen anscheinend nicht, auch wenn sie das Konzert noch so sehr genossen haben, würden sie sich doch keines falls die Hände wund klatschen. Verlässt man die Bühne, verhallt dann auch ziemlich bald mal das klatschende Geräusch.

4.und 5. Tag St. Petersburg Airport/Cheboksary

Von Arkhangelsk ging es weiter über St- Petersburg nach Cheboksary, eine Stadt an der Wolga, östlich von Moskau.

Mit 12 Stunden Verspätung endlich dort angekommen – wir hatten unseren einzigen Off-Day mit Warten am Flughafen verbracht, weil der Pilot kurz vor dem Start bemerkt hat, dass der Reifen kaputt war – empfing uns ein junger Veranstalter, der in seiner Aufregung eine Kippe nach der anderen rauchte, (er hätte sich dem Anschein nach auch gerne drei auf einmal angesteckt.) Es stellte sich heraus, dass unser Konzert seine erste selbstorganisierte Veranstaltung war und da will man sich doch, vor allem mit einer Band aus dem Westen, keine Fehler leisten.

Auf dem Parkblatz wartete dann sein Kumpane, ein kahlgeschorener eher furchteinflössender Typ mit Daunenjacke, der uns als unser Fahrer vorgestellt wurde und wie sich später herausstellen wird, sein Geld als Transporteur der örtlichen Sexarbeiterinnen verdient, indem er die hochgestiefelten Frauen zu ihren Kunden fährt und wieder abholt.

Das Konzertlokal war dann in Bezug auf die Dekoration wohl kaum zu überbieten. Ein ländliches Disco-Flair der 90’ mit einem Backdrop, das irgendwie so aussah, wie ein Verschnitt zwischen Predator und dem Maskottchen von Iron Maiden.

Für uns war es eher ein Konzert zum vergessen, aber den Leuten schien es gefallen zu haben. Ein späterer Bericht von diesem Abend im russischen Rolling Stone Magazin, fand jeweils nur lobende Worte.

6. Tag Yekaterinburg

IMG_9731Von Cheboksary ging es weiter zum Flughafen Kazan nach Yekaterinburg, die Stadt in der Zar Nikolaus II. der russischen Revolution zum Opfer fiel.

Dort angekommen erwartete uns ein junger Kasachischer Typ mit einem Kopfhörer im Ohr und dem Handy in der Hand, dessen Lockerheit so demonstrativ war, dass uns jede unserer Bewegungen schon total verkrampft vorkommen musste. Den Kopfhörer hatte er dann auch den ganzen Abend im Ohr und man wusste nie genau, ob er mit dir spricht, oder jemanden in der Leitung hat. Im „Everjazz Club“, ein gediegener Jazz-Laden mit langer Tradition begrüssten uns dann die beiden Veranstalterinnen, deren Charme unsere erkalteten Körpertemperaturen sofort wieder in die Höhe schnellen liess.

Während wir unser Abendessen genossen, spielte zuerst der lokal Matador mit seiner Jazzband gelangweilt ein paar Standarts, was uns eher befremdend vorkam, vor allem in der Vorstellung, wie wir wohl in Kürze mit unserem „Kaos“ ähnlich einer Dampfwalze die kitschig – träumerische Stimmung platt walzen werden.

Lustigerweise sorgte gerade an diesem Abend das Publikum wieder für eine unerwartete Überraschung. Wir verbeugten uns, die Leute klatschten frenetisch und brachen wiederum abrupt ab, als wir von der Bühne traten. Eine Zugabe schien uns eher aufgezwungen, als erwünscht zu sein. Komischerweise – es waren bestimmt bereits 10 Minuten vergangen – schienen die Leute immer noch auf etwas zu warten und erst als die Veranstalterin uns nochmals lieb bat, doch noch ein 1-2 Stücke zu spielen, wurde uns klar, warum.

 7. Tag Dubna

 Von Yekaterinburg ging es weiter zu einem Festival in Dubna, eine kleine Stadt in der Nähe von Moskau. Dass dieser Gig überhaupt noch stattfand, war eigentlich den Umständen entsprechend kaum mehr zu denken. Es fing schon in Yekaterinburg an, als unser lieber Kasache – es war der Tag, als die olympische Fackel auf ihrer Reise gerade Halt in der Stadt machte – vor lauter Lockerheit uns mal schön den Flieger verpassen liess. „Shit happens!“ meinte er lakonisch dazu, während wir ihn am liebsten in Stücke zerrissen hätten. 3 std. später doch noch in Moskau angekommen, folgte darauf eine ca. 2 Stündige Autofahrt nach Dubna, die wohl keiner mehr von uns so schnell vergessen wird. Gott sei dank heil angekommen, konnten wir doch noch als letzte Band des Festivals die örtliche Bibliothek beschallen. Nach 6 Konzerten, 10 Flügen und durchschnittlich 4 Std. Schlaf, neigte sich unsere Tour langsam dem Ende zu.

8. Tag Lviv

Ein letzter Gig in Lviv im westlichen Teil der Ukraine bevor es über Warschau wieder zurück in die Schweiz gehen soll. „JazzBez“ hiess das Festival und es sollte uns vor Staunen beinahe zu Salzsäulen erstarren lassen. Doch zuvor genossen wir noch ein paar Stunden in der wunderschönen Altstadt. Aus den Lautsprechern, die noch aus der Sowjetzeit in den Strassen hingen, erklang die Stimme der Ukrainischen Revolution. Im Stadtzentrum versammelte sich das Volk und demonstrierte lautstark gegen die Regierung. Es war der Anfang des später im Osten folgenden Bürgerkriegs. Beängstigend und zugleich aufregend. Man spürte förmlich die Kraft und Euphorie des Widerstands. Das Konzert fand in der städtischen Philharmonie statt, welche ein Fassungsvermögen von ca. 800 Plätzen bot. Blöd nur wenn die halb leer sein sollte, dachten wir, während wir uns für den Soundcheck installierten. Als wir später zum Konzert auf die Bühne traten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Der Saal war restlos ausverkauft und wir spielten wohl eines unserer besten Konzerte. Es war ein wunderschöner Abend und ein fantastischer Tourabschluss. Und hätten wir dann keine Zugabe mehr gespielt, sie hätten es uns wohl nie verziehen.

Kaos Protokoll: Flo Reichle (Drums), Marc Stucki (Sax), Benedikt Wieland (Bass)
Kaos Protokoll website
Kaos Protokoll Bandcamp

 

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