Release: Kaos Protokoll Tour-Doku Russland/Ukraine 2013

„zdravstvuyte. Mi Kaos Protokoll i mi iz Shveytsáriya. My rady igrat vrasi v pervyy raz. Spasibo Bol’shoye.“

Mittlerweile können wir diesen Begrüssungssatz den wir jeweils an unseren Konzerten brachten im Schlaf, aber was haben wir nicht dafür geübt.

Gut, es gab auch reichlich Flugstunden, die genug Zeit boten, sich mit den russischen Verhaltens -und Sprachregelen auseinander zu setzen.

Aber beginnen wir von vorne…

Heute, genau vor einem Jahr waren wir das erste Mal in Russland und der Ukraine auf Tour. Überhaupt war davor noch nie jemand von uns in dieser Gegend. Vorfreude mischte sich mit Spannung und Aufregung.

Zur Einstimmung schauten wir uns ein paar „Russian Traffic“ Filmchen auf Youtube an, um uns ein wenig auf das Russische „Verkehrs –Roulette“ vorzubereiten. Der Flugzeugabsturz einen Monat vor Tourbeginn in Kazan, demselben Flughafen, den auch wir noch benutzen sollten, liess natürlich auch uns nicht kalt und so gab es kurz vor Abflug in München für alle noch ein Gläschen Verdrängungs-Wodka.

IMG_95451. Tag Moskau

Moskau war unsere erste Station in Russland. Es herrschten eisige minus 10 Grad. Wir spielten im renommierten Kozlov Club. Ein netter Laden dessen Eingang leicht übersehbar durch eine „Anne Frank – Bücherregal-Türe“ führte. Der Club war längst nicht voll, aber die Leute tanzten und kaum hatten wir den letzten Ton gespielt, standen bereits die ersten im Backstagebereich und wollten Fotos und Autogramme von uns. Wir dachten, die hätten sich wohl in der Tür geirrt. Warum wollen die nun Fotos und Autogramme von uns? Es sollte nicht unsere letzte Überraschung des russischen Publikums bleiben.

2. Tag Kaliningrad

Von Moskau ging es weiter mit dem Flieger in die russische Exklave Kaliningrad. „Dreadnought“, hiess der Club, der einem U-Boot nachempfunden wurde und einen schier endlosen Gang hatte, der uns vom Backstage bis zur Bühne führte. Das Haus war voll und die Leute noch euphorischer als zuvor in Moskau. An die obligaten Autogrammstunden und Fotosessions haben wir uns mittlerweile gewöhnt, war auch nicht all zu schwer, doch unser gesamter CD Bestand war schon fast ausverkauft und das hat uns dann doch etwas überrascht, ist doch Russland eher für den Musik Download als für die Kaufkraft bekannt.

3. Tag Arkhangelsk

Weiter ging es mit dem Flug über Moskau in den noch kälteren Norden nach Arkhangelsk, ein nettes russisches Städtchen am weissen Meer. Nachmittags angekommen, war es bereits stockdunkel, aber das ist es dort immer, zumindest im Winter, egal zu welcher Tageszeit.

Wir spielten in einem Museum, der Saal war voll, die Stimmung elektrisierend. Wir wollten soeben zur Zugabe ansetzen, da packte der Veranstalter das Mikrophon und startete zu einer grossen Rede, die unser Vorhaben sogleich wieder im Keim ersticken liess. Es schien, als würde er nun rückblickend versuchen in Worte zu fassen, was wir gespielt hatten. Und ach ja, Zugaben kennen die Russen anscheinend nicht, auch wenn sie das Konzert noch so sehr genossen haben, würden sie sich doch keines falls die Hände wund klatschen. Verlässt man die Bühne, verhallt dann auch ziemlich bald mal das klatschende Geräusch.

4.und 5. Tag St. Petersburg Airport/Cheboksary

Von Arkhangelsk ging es weiter über St- Petersburg nach Cheboksary, eine Stadt an der Wolga, östlich von Moskau.

Mit 12 Stunden Verspätung endlich dort angekommen – wir hatten unseren einzigen Off-Day mit Warten am Flughafen verbracht, weil der Pilot kurz vor dem Start bemerkt hat, dass der Reifen kaputt war – empfing uns ein junger Veranstalter, der in seiner Aufregung eine Kippe nach der anderen rauchte, (er hätte sich dem Anschein nach auch gerne drei auf einmal angesteckt.) Es stellte sich heraus, dass unser Konzert seine erste selbstorganisierte Veranstaltung war und da will man sich doch, vor allem mit einer Band aus dem Westen, keine Fehler leisten.

Auf dem Parkblatz wartete dann sein Kumpane, ein kahlgeschorener eher furchteinflössender Typ mit Daunenjacke, der uns als unser Fahrer vorgestellt wurde und wie sich später herausstellen wird, sein Geld als Transporteur der örtlichen Sexarbeiterinnen verdient, indem er die hochgestiefelten Frauen zu ihren Kunden fährt und wieder abholt.

Das Konzertlokal war dann in Bezug auf die Dekoration wohl kaum zu überbieten. Ein ländliches Disco-Flair der 90’ mit einem Backdrop, das irgendwie so aussah, wie ein Verschnitt zwischen Predator und dem Maskottchen von Iron Maiden.

Für uns war es eher ein Konzert zum vergessen, aber den Leuten schien es gefallen zu haben. Ein späterer Bericht von diesem Abend im russischen Rolling Stone Magazin, fand jeweils nur lobende Worte.

6. Tag Yekaterinburg

IMG_9731Von Cheboksary ging es weiter zum Flughafen Kazan nach Yekaterinburg, die Stadt in der Zar Nikolaus II. der russischen Revolution zum Opfer fiel.

Dort angekommen erwartete uns ein junger Kasachischer Typ mit einem Kopfhörer im Ohr und dem Handy in der Hand, dessen Lockerheit so demonstrativ war, dass uns jede unserer Bewegungen schon total verkrampft vorkommen musste. Den Kopfhörer hatte er dann auch den ganzen Abend im Ohr und man wusste nie genau, ob er mit dir spricht, oder jemanden in der Leitung hat. Im „Everjazz Club“, ein gediegener Jazz-Laden mit langer Tradition begrüssten uns dann die beiden Veranstalterinnen, deren Charme unsere erkalteten Körpertemperaturen sofort wieder in die Höhe schnellen liess.

Während wir unser Abendessen genossen, spielte zuerst der lokal Matador mit seiner Jazzband gelangweilt ein paar Standarts, was uns eher befremdend vorkam, vor allem in der Vorstellung, wie wir wohl in Kürze mit unserem „Kaos“ ähnlich einer Dampfwalze die kitschig – träumerische Stimmung platt walzen werden.

Lustigerweise sorgte gerade an diesem Abend das Publikum wieder für eine unerwartete Überraschung. Wir verbeugten uns, die Leute klatschten frenetisch und brachen wiederum abrupt ab, als wir von der Bühne traten. Eine Zugabe schien uns eher aufgezwungen, als erwünscht zu sein. Komischerweise – es waren bestimmt bereits 10 Minuten vergangen – schienen die Leute immer noch auf etwas zu warten und erst als die Veranstalterin uns nochmals lieb bat, doch noch ein 1-2 Stücke zu spielen, wurde uns klar, warum.

 7. Tag Dubna

 Von Yekaterinburg ging es weiter zu einem Festival in Dubna, eine kleine Stadt in der Nähe von Moskau. Dass dieser Gig überhaupt noch stattfand, war eigentlich den Umständen entsprechend kaum mehr zu denken. Es fing schon in Yekaterinburg an, als unser lieber Kasache – es war der Tag, als die olympische Fackel auf ihrer Reise gerade Halt in der Stadt machte – vor lauter Lockerheit uns mal schön den Flieger verpassen liess. „Shit happens!“ meinte er lakonisch dazu, während wir ihn am liebsten in Stücke zerrissen hätten. 3 std. später doch noch in Moskau angekommen, folgte darauf eine ca. 2 Stündige Autofahrt nach Dubna, die wohl keiner mehr von uns so schnell vergessen wird. Gott sei dank heil angekommen, konnten wir doch noch als letzte Band des Festivals die örtliche Bibliothek beschallen. Nach 6 Konzerten, 10 Flügen und durchschnittlich 4 Std. Schlaf, neigte sich unsere Tour langsam dem Ende zu.

8. Tag Lviv

Ein letzter Gig in Lviv im westlichen Teil der Ukraine bevor es über Warschau wieder zurück in die Schweiz gehen soll. „JazzBez“ hiess das Festival und es sollte uns vor Staunen beinahe zu Salzsäulen erstarren lassen. Doch zuvor genossen wir noch ein paar Stunden in der wunderschönen Altstadt. Aus den Lautsprechern, die noch aus der Sowjetzeit in den Strassen hingen, erklang die Stimme der Ukrainischen Revolution. Im Stadtzentrum versammelte sich das Volk und demonstrierte lautstark gegen die Regierung. Es war der Anfang des später im Osten folgenden Bürgerkriegs. Beängstigend und zugleich aufregend. Man spürte förmlich die Kraft und Euphorie des Widerstands. Das Konzert fand in der städtischen Philharmonie statt, welche ein Fassungsvermögen von ca. 800 Plätzen bot. Blöd nur wenn die halb leer sein sollte, dachten wir, während wir uns für den Soundcheck installierten. Als wir später zum Konzert auf die Bühne traten, konnten wir unseren Augen kaum trauen. Der Saal war restlos ausverkauft und wir spielten wohl eines unserer besten Konzerte. Es war ein wunderschöner Abend und ein fantastischer Tourabschluss. Und hätten wir dann keine Zugabe mehr gespielt, sie hätten es uns wohl nie verziehen.

Kaos Protokoll: Flo Reichle (Drums), Marc Stucki (Sax), Benedikt Wieland (Bass)
Kaos Protokoll website
Kaos Protokoll Bandcamp

 

Cowboys From Hell mit neuem Album

cfh_live_farbigWild, furios und rotzig, das sind die Cowboys From Hell. Das selbsternannte „Jazz-Core“ Trio hat vor kurzem sein zweites Album „Big Fish“ veröffentlicht und knüpft damit in bekannter Manier an seinen Erstling an. Nach erfolgreicher Album-Release Tour geht’s im Februar wieder nach Deutschland und im April nach Russland. Ein Erfolg der hart erkämpft werden musste, denn die Schweizer Band stand zwischenzeitlich sogar vor dem Aus, wie uns Christoph Irniger, Saxophonist und Komponist der Cowboys From Hell im Interview erzählt.

Im Jahre 2008 erschien euer erstes Album „Monster Rodeo“, mit dem ihr die schweizer Musikszene mit eurem unverkennbaren Sound schon mal gehörig aufgemischt habt. Es folgten einige Konzerte im In – und Ausland. Doch es dauerte trotzdem 4 Jahre, bis ihr euren Zweitling „Big Fish“ im Herbst 2012 veröffentlicht habt. Weshalb dauerte das so lange?

Christoph Irniger: Wir standen kurz vor der Auflösung. Unser ursprüngliche Bassist Richi Pechota hatte andere Pläne und ist ausgestiegen. Unser Drummer Chrigel Bosshard spielte in dieser Zeit gleichzeitig bei Drei erfolgreichen Schweizer Bands, Lunik, Bonaparte und Marc Sway und hatte deshalb einfach keine Zeit mehr für die Cowboys. Dies führte dazu dass wir einfach keine Zeit mehr fanden für unsere Band und Gigs absagen mussten, was letztendlich auch sehr an der Motivation gekratzt hat überhaupt noch weiter zu machen. Dass wir dann aber schlussendlich doch noch die Kurve bekommen haben, ist eigentlich dem ZKB Jazzpreis zu verdanken. Wir wurden da quasi aus heiterem Himmel dazu eingeladen daran teilzunehmen, was uns natürlich wieder schub und Motivation für unsere Band gegeben hat. Daraufhin suchten wir uns einen neuen Bassisten und stiessen dabei auf Marco Blöchlinger und das hat sofort unglaublich toll funktioniert. Marco ist ein Perfektionist mit einem unglaublich guten Gespür für Sounds. Die Cowboys waren wieder da. Für den Gig am ZKB haben wir uns dann auch vorgenommen neue Stücke zu schreiben was letztendlich auch dazu führte wieder eine neue Platte aufzunehmen. Deshalb hat dies alles so lange gedauert.

Eure Musik ist geprägt von Gegensätzen. Stilistisch schwer einzuordnen. Ihr selbst nennt es “Jazz-Core”, also eine Mischung aus Jazz und Hardcore. Wobei es stilistisch bei euch noch viel bunter zu und her geht.Wo holt ihr euch eure Inspirationen für eure Stücke jeweils her?

Christoph Irniger: Uns stilistisch einzuordnen, da tun auch wir uns eher schwer. Wir drei haben alle ganz unterschiedliche musikalische Backgrounds. Ich z.b. bewege mich mehr oder weniger nur in der Jazzmusik und dabei oft auch in der freien Improvisation. Der Chrigel hat seine Wurzeln sicherlich im Rock, aber er ist ebenso ein unglaublich toller Pop Drummer. Ausserdem spielt er oft mit Don Li und ist fester Bestandteil der Touns’ Szene. Er ist eigentlich der Musiker mit dem grössten Radius in unserer Band. Marco ist absolut der Pop Bassist, der u.a bei Bands wie Lunik, Myron spielt. Die Stücke werden vor allem von Chrigel und mir geschrieben. Marco ist dann derjenige, der ein gutes Gespür hat, wie man das interessant umsetzen könnte. Er geht da jeweils sehr pragmatisch an heran und tüftelt so lange bis er zufrieden ist. Diese Kombination dieser drei Musiker bringt sehr viel Spannung mit sich.

Ein herausstechendes Merkmal eurer Musik ist bestimmt der Sound deines Tenor Saxophons der jeweils so stark verändert wird, dass man teilweise sogar meint eine verzerrte Gitarre zu hören. Dann glaubt man aber wieder eine Art Synthesizer zu hören, aber selten bis nie den originalen Sax sound. Du selbst bist ja vor allem auch in der freien Szene verankert, wo Effekte in dieser Art eher unüblich sind. Was hat dich dazu getrieben, dich trotzdem so intensiv mit den Effekten auseinander zu setzen?

Christoph Irniger:Eigentlich muss ich gestehen, dass ich überhaupt kein Soundtüftler bin. Ich habe zwei Multieffektgeräte, eine Filterbank und eine Loopstation. Daran schraube ich jeweils so lange herum, bis ich einen Sound gefunden habe der mir gefällt. Natürlich kenn ich mich mittlerweile mit diesen Geräten schon ganz gut aus. Aber fragt mich einfach nicht nach solchen Fachbegrfiffen wie „Envelope“ oder „Decay“ usw. davon hab ich keine Ahnung. Durch das ausprobieren mit diesen Effekten und den vielen Proben mit den Cowboys hat sich mein Sound immer weiter entwickelt. Und natürlich hör ich mir nach wie vor Bands an, die mich musiaklisch sehr geprägt haben, wie z.b. Rage against the Machine, Massive Attack oder AC/DC die für mich zu den wichtigsten Bands überhaupt gehören. Mit den Cowboys wollte ich einfach lauten und wilden Rock spielen und so hab ich mich auf die Suche nach dem passenden Saxophon Sound gemacht.

Einer eurer Songs trägt den Titel „Horror Show“. Gibt es da eine Geschichte dazu?

Christoph Irniger:Ja da gibt es eine Geschichte. Ich war mit meiner Familie in den Ferien in Irland. Wir haben uns dort ein Haus gemietet, sozusagen im Niemandsland. In der Nacht war es dort jeweils so dunkel, dass man überhaupt nichts sehe konnte. Kein Licht, alles war Schwarz. Man konnte nicht mal den Himmel von der Erde unterscheiden. Und als ich da so aus dem Fenster ins Schwarze rausstarrte habe ich mir vorgestellt in mitten einem Horror Film wie z.b. Blair Witch Project zu sein. Die Geräusche die ich wahrnahm hab ich so interpretiert, dass da draussen nun irgendwelche Banden um unser Haus schleichen und uns beobachten. Naja, nicht gerade der beste Moment um sich solche gruselige Szenen vorzustellen. Das war schon gespenstisch. Und dabei ist mir dann irgendwann die Idee für diese Basslinie von „Horror Show“ eingefallen und so ist dann eben der Song entstanden.

Demnächst seid ihr wieder auf Tour. Auf welchen Cowboys Ritt in die Hölle freust du dich besonders?

Christoph Irniger: Wir sind gerade daran neue Stücke zu erarbeiten, worauf ich mich natürlich sehr freue diese bald live zu präsentieren. Und Natürlich freue ich mich sehr auf unsere gemeinsame Deutschland –Tour. Das ist immer etwas spezielles, wenn man einige Tage zusammen weg ist und jeden Tag spielt, daraus ergibt sich eine ganz andere Dynamik, als wenn man jeweils einzelne Gigs spielt. Und das ist auch 10 mal mehr Wert als zu proben. Im April geht’s dann nach Russland auf Tour und darauf freu ich mich natürlich auch sehr, nicht zu letzt, weil es für uns absolut Neuland ist.

Upcoming Dates in Switzerland:

31.01.13 Moods, Zürich

01.02.13 Bejazz, Bern

2.02.13 Treibhaus Luzern

Weitere Tourdaten

Album “Big Fish” reinhören

Bildschirmfoto 2013-01-25 um 12.56.25

Grenzenlos – Ein Festival rund um das Piano, von Beethoven über Boulez bis Monk

Das Piano-PAM Festival (Platz für andere Musik) geht dieses Jahr in die Zweite Runde. Vom  16.11. – 18.11.12 dreht sich in Uster alles um das Piano. Eintönig? Im Gegenteil. Der Schlagzeuger und Gründer des PAM Festivals Lucas Niggli erklärt uns, warum gerade ein Festival in dieser Form ein besonders grosses Entdeckungspotential birgt und zu einem erfrischenden Kulturerlebnis wird.

Während das PAM Festival 2010 zum ersten Mal stattfand, veranstaltest du ebenfalls unter dem Namen PAM aber schon seit über 9 Jahren Konzerte in Uster. Eine Konzertreihe die du selbst ins Leben gerufen hast. Was war der Ursprungsgedanke dafür?

Lucas Niggli: Zum einen liegt dies am musikalischen Angebot In Uster. Wir haben zwar den Jazzclub und die Kulturgemeinschaft Uster, die beide regelmässig Konzerte veranstalten, allerdings jeweils in Bereichen, die mich nicht immer interessieren. Zum anderen hatte ich neben meinem Atelier den “Qbus” (ein altes Kino, welches heute leider nicht mehr besteht), ein Ort also, der für solche Anlässe perfekt geschaffen war. Als Musiker reise ich viel in der Welt herum, wobei ich auch immer sehr interessante Leute treffe. Mit dem „”Qbus”“ hab ich einen Raum gefunden, um diese Leute nach Uster zu bringen. Ein Experimentierfeld, ein Spielplatz um Sachen auszuprobieren, und Grenzen zu überschreiten. Aber natürlich hab ich auch darum die Konzertreihe PAM gegründet, um meiner Community hier in Uster etwas zurück geben zu können, von dem was ich auf all meinen Reisen erlebe.

Dass ich das Konzerprogramm jeweils voll und ganz nach meinem Geschmack gestalten konnte und kann, liegt natürlich auch daran, dass ich die Musiker alle persönlich kenne, mit ihnen zusammen arbeite, was natürlich ein grosser Vorteil ist. Dass die Konzertreihe PAM allerdings bis heute andauert – mittlerweile haben wir schon über 44 Konzerte veranstaltet, jeweils ca. 4 pro Jahr – hätte ich mir damals allerdings nicht erträumt.

Als ich vor über 10 Jahren damit begonnen habe, war alles noch sehr im Low Budget Bereich. Die ersten beiden Jahre habe ich sogar noch draufgelegt, aber meine Frau ,die mich dabei immer unterstützte, meinte jeweils: ” Andere gönnen sich teure Weine oder Essen oft auswärts und wir leisten uns eben die Konzerte.”

Das Piano PAM Festival findet dieses Jahr bereits zum zweiten Mal,nach der Erstausführung im Jahre 2010 statt. Was hat dich dazu bewogen, nebst der Konzertreihe noch ein Festival zu lancieren?

Lucas Niggli: Der Ursprungsgedanke war eigentlich der, dass ich so viele interessante Pianisten gerne nach Uster geholt hätte, dies aber nie möglich war, da es im “”Qbus” ” keinen Flügel hatte. Diesen jeweils für ein einziges Konzert zu mieten, hätte sich finanziell nicht gelohnt. Für ein 3-tägiges Festival allerdings schon und so beschloss ich deshalb ein Festival zu gründen, bei dem das Piano im Zentrum steht. Das Piano war also der ausschlaggebende Punkt. Die erste Ausgabe des Piano-PAM Festivals im Jahre 2010 kam dann so gut beim Publikum an, dass ich dachte, komm das mach ich wieder.

Mit den ebenfalls im Kanton Zürich stattfindenden Festivals Taktlos und Unerhört, gibt es ja bereits Veranstaltungen mit einer ähnlichen Ausrichtung. Inwiefern unterscheidet sich da das PAM Festival von den anderen?

Lucas Niggli: Da unterscheidet sich sehr viel. Zum einen nur schon die Geschichte und die Grösse der Festivals. das Taktlos ist ein Festival mit internationalem Renommée und war in der Schweiz ein wichtiger Impulsgeber für Neue Musik vor allem in den 80er  – und 90er Jahren . Allerdings hat das Taktlos in den letzten Jahren eine Krise durchgemacht, weshalb es etwas an Relevanz verloren –  und mit dem Unerhört Festival starke Konkurrenz erhalten hat, was wiederum auch dem  Taktlos gut tut . Die Festivals bemühen sich vermehrt um Profil und das hat einen positiven Effekt auf die Programmation. Während das Taktlos sich vor allem auf die improvisierte Musik im Zusammenhang mit Jazz und Rock fokussiert, dreht sich beim „Piano – PAM“ alles um ein Instrument und kennt dabei keine stilistischen Grenzen. Ein Festival bei welchem an einem Abend Musik von Thelonious Monk, Beethoven und Pierre Boulez zu hören ist, das muss man in der Schweiz sicherlich suchen.

Auf welche Leckerbissen dürfen wir uns ganz speziell bei dieser Ausgabe des PAM Festivals freuen?

Lucas Niggli: Persönlich freue ich mich sehr auf den Zürcher Pianisten Stefan Wirth, der Musik von Beethoven und Pierre Boulez spielen wird und natürlich Alexander von Schlippenbach, eine grosse Legende des Freejazz in Europa. Dass diese zwei Pianisten den gleichen Abend bestreiten ist sehr toll. Ich als Konsument wünschte mir mehr oder zumindest regelmässiger solche Abende. Aber dies ist ja auch mit ein Grund weshalb ich das PAM Festival veranstalte. Ich mache mir dabei selbst ein Geschenk, in dem ich ein Programm zusammenstelle mit Musik von Komponisten, die ich am liebsten höre. Also Thelonious Monk, Pierre Boulez und Ludwig van Beethoven.

Findest du, dass es in der Schweiz genügend Platz für andere Musik gibt, gerade in der freien Improvisation?

Lucas Niggli: Nein, es gibt nie genügend solche Orte. Aber dies hat auch gewisse Vorteile. So müssen sich die jungen Musiker aus der Not heraus selber ihre Plattformen schaffen. Die jüngere Schweizer Generation macht dies anhand des Beispiels der Jazzwerkstatt in Bern. Eine Bewegung, die im übrigen in ganz Europa stattfindet. Sie definieren sich so ihren ganz eigenen Spielplatz. Wenn du etwas selber aufziehst, in deiner Szene, deinem Umfeld, kannst du es so gestalten und prägen, wie du es möchtest und das, gehört auch zur künstlerischen Arbeit und Identität eines Musikers. Es steckt zwar jeweils viel Arbeit, dahinter, ist aber zugleich auch sehr befriedegend. Ich kann gleichzeitig Gastgeber sein – was ich als ein sehr schönes Gefühl empfinde – und die Musik aufführen und spielen, die ich möchte.

Ich glaube auch, dass in einem Konzertbetrieb wie das PAM ihn führt, eine interessante Zukunft steckt. Heute hören oder konsumieren die Leute ein viel breiteres Musikangebot als früher. Warum aber führt man Musik meistens nur in den dafür traditionsgemäss üblichen Räumlichkeiten auf? Wie z.b. Beethoven nur in der Tonhalle, Boulez nur im Kontext von Neuer Musik, oder Monk nur in einem Jazzclub? Diese Tradition zu brechen ist mir ebenfalls ein grosses Anliegen. Und darum geht es bei PAM auch, in dem man Traditionen, Vorstellungen und Gewohnheiten aufbricht.

Das PAM Festival findet vom 16.11.12 – 18.11.12 in Uster statt. Die Konzerte beginnen jeweils um 20:30 Uhr. Eintrit 20.-/30.-

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 71 other followers

%d bloggers like this: